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Keine Solidarität mit FEMEN!

Wir sind wütend und ziemlich fassungslos darüber, wie Femen Germany am 25.01.2013 ihren Protest gegen Sexarbeit in der Herbertstraße in Hamburg zum Ausdruck brachten.

Mit nackten Oberkörpern, bemalt mit Parolen und „mit brennenden Fackeln bewaffnet, marschierten [sie] in Formation“(1) durch die Herbertstraße, die von beiden Seiten mit Sichtschutz abgeschlossen ist. Die Tore wurden von den Nazis in den 1930er Jahren eingerichtet und nun knapp 80 Jahre später von den Femen Germany um die Aufschrift „Arbeit macht frei“ ergänzt.
Diese unfassbare Analogie von Holocaust und Sexarbeit zieht sich durch die gesamte Aktion der Femen Germany; sie vergleichen die „Bordellstraße“ Herbertstraße mit nationalsozialistischen Vernichtungslagern: „In KZs [wurden] Menschen zerstört und die Prostitution zerstört auch die Seelen der Frauen. Das ist ein Genozid an Frauen, was hier passiert“(2) und stellen mit ihren Plakaten „sexindustry is fascism“ die Sexindustrie mit Faschismus auf eine Stufe.
Diese Aussagen sind blanker Hohn gegenüber den Überlebenden und all den in der Shoah ermordeten Menschen. Die Gleichsetzung von Genozid und Sexarbeit ist einfach … (…uns fehlen die Worte…). Sexarbeit = Massenmord?! Ja nee ist klar…

Jedoch ist die Analogie von Sexarbeit und Shoah nicht das einzige, was uns an der Aktion und an Femen Germany wütend macht.
Der Blick auf Sexarbeit ist durch eine unerträgliche Viktimisierung und antifeministische Beschränktheit geprägt.
Sexarbeit ist eine selbstbestimmte und freiwillige Tätigkeit – so freiwillig wie Lohnarbeit im kapitalistischen System nun mal sein kann. Sexarbeit stellt eine Form der
Dienstleistung dar, die Sex oder sexuelle Dienstleistung als Ware verkauft und nicht den Körper. Die Körper gehören den Sexarbeiter*innen!
Sexarbeit ist als Arbeit anzuerkennen, die aufgrund unterschiedlichster Motive oder eben auch aus Notlagen heraus ergriffen wird. Wer die Frage nach der Freiwilligkeit von Sexarbeit aufwirft, muss sich auch generell der Frage nach einer Freiheit der Wahl von Lohnarbeit im kapitalistischen System widmen. Jenseits der vermeintlich „freien Berufswahl“ steht Lohnarbeit an sich überhaupt nicht zur Diskussion.(3)
Eine Kritik, die in diese Richtung geht, suchen wir bei Femen Germany vergebens.
Sexarbeit muss von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung, oder wie Femen es nennt, „de[m] Import von Fleisch aus Osteuropa“, getrennt betrachtet werden.
Bei Menschenhandel handelt es sich um Gewalt und Vergewaltigung und nicht um Prostitution!
Mit ihrer Rhetorik vom „Fleisch“ und ihrer Annahme, dass Prostitution grundsätzlich traumatisierend wirkt – egal ob freiwillig ausgeübt oder nicht – verbleiben Femen in der gleichen respektlosen Sicht auf Frauen*, wie sie es der Sexindustrie vorwerfen.
Sie sprechen damit Sexarbeiter*innen jegliche Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit ab. Und unterstellen damit, dass Frauen* eben nicht zu jeder Zeit, mit wem sie wollen, wie sie wollen und zu ihren Bedingungen Sex haben dürfen und können ohne dass sie damit ihre „Seele“ zerstören.
Was bitte ist daran feministisch?

Femen fordern, Prostitution durch gesetzliche Reglementierungen abzuschaffen. Damit würden alle Sexarbeiter*innen kriminalisiert.
Wem wäre damit geholfen? Den Frauen* die dann in der Illegalität arbeiten müssen?
Femen Germany sieht alle Frauen* die in der Sexarbeit tätig sind, als wehrlose Opfer, die wohl nur darauf warten, dass sie von barbusigen Fackelträger*innen mit Hakenkreuzbinden befreit werden. WTF??
Und wenn alle Prostituierten befreit sind, dann sind auch alle anderen Frauen* von Unterdrückung befreit?

Diese Sichtweisen ignorieren bestehende patriarchale Strukturen und Mechanismen.
Femen Germany wollen zwar das Patriarchat abschaffen, jedoch ist ihr „Revolutionsziel“: „Am Ende steht das Matriarchat“. Diese Aussage von Femen Germany-Anführerin [sic!] Alexandra Schewtschenko aus einem Interview mit der Zeit4 zeigt zweierlei: Der Wunsch nach einer Umkehr der Machtverhältnisse, d.h. die weitere Unterdrückung von Menschen als Ziel der Revolution und die Annahme einer dichotomen Zweigeschlechtlichkeit.
Was genau ist daran jetzt revolutionär?

In ihrer Internetpräsenz berufen sich die „morally and physically fit soldiers“ Femen auf ihre Waffen: „hot boobs“(5).
Auf allen Bildern von Femen in der Presse ist somit vor allem eines zu sehen: Brüste. Nackt. Genau das macht uns stutzig.
Brüste zu sehen schockt ja nicht mehr wirklich in einer Medienlandschaft, in der sogar Margarine mit nackten Frauenkörpern beworben wird.
Klar, Brüste bringen immer noch mediale Aufmerksamkeit, das funktioniert. Aber warum bringen Femen – egal um welches Thema es geht – ihre Brüste ins Bild?
Auf jeden Missstand mit Ausziehen zu reagieren kann also entweder eine extrem geniale Masche sein, oder – ja, was denn eigentlich?

Bei Femen werden Brüste für und durch den ‚männlichen Blick‘ gezeigt. Ist es nicht mindestens fragwürdig, mit den Mitteln der sexistischen Medien in einem sexistischen System gegen Sexismus kämpfen zu wollen? Wird dabei nicht vielmehr ein Beitrag geleistet zur Reproduktion der Verhältnisse, die eigentlich kritisch ins Visier genommen werden sollen? Leistet das Ausziehen nicht vielleicht einen weiteren Beitrag zur Objektifizierung und Sexualisierung von Frauen*körpern? Insbesondere, wenn eben ein sehr stereotypes Körperbild vermittelt wird?
Wie kann Ausziehen noch selbstbestimmt sein, wenn es klar ist, dass nur so die gewünschte Aufmerksamkeit erreicht wird? Und darüber hinaus macht es doch gar keinen Sinn, sich zuerst auf eine Aktionsform festzulegen, um sich dann Themen zu suchen, die dazu mehr oder weniger passend erscheinen.
Interessiert sich denn jemand wirklich für die Themen, die Femen-Aktivistinnen mit ihren Brüsten in die Medien bringen? Oder bleibt die Aufmerksamkeit nicht viel mehr nur an ihren, vorwiegend den vorherrschenden Schönheitsidealen entsprechenden, Körpern hängen?

Die Aktion in der Herbertstraße lässt mehr als nur einen schalen Geschmack zurück. Die Reduzierung von Frauen* auf Opfer, die Analogie zu Faschismus, Holocaust und Genozid; die fragwürdigen Statements und die Berufung auf eine Revolution, die nicht die unsere ist – all das und nicht zuletzt die ständige Bezugnahme auf Nationalsymboliken ( z.B. Flagge von Deutschland) lässt uns zu dem Schluss kommen, dass Femen, obwohl sie sich als Feministinnen begreifen, mit uns nichts gemeinsam haben, extrem kritikwürdig sind und es uns mehr als unmöglich machen, ihren Wünschen nach feministischer Solidarität nachzukommen.

diss_
queerfeministische gruppe hamburg
Februar 2013

P.S. Liebe Femen-Aktivist*innen, wenn euch unsere Kritik noch nicht zum Nachdenken anregt, möchten wir euch noch folgende Beiträge ans Herz legen:
http://evibes.blogsport.de/2013/01/29/offener-brief-an-femen-germany/
http://www.publikative.org/2013/01/31/wenn-der-aufschrei-im-halse-stecken-bleibt/ http://menschenhandelheute.net/2013/01/31/wer-femen-nicht-braucht-betroffene-von-menschenhandel-und-sexarbeiter_innen/
http://rechtaufstrasse.blogsport.de/

(1) Facebook-Seite Femen Germany
(2) Hamburger Femen-Aktivistin Irina Khanova im Mopo-Interview
(3) siehe auch: http://rechtaufstrasse.blogsport.de/2011/06/20/recht-auf-strasse/
(4) http://www.zeit.de/sport/2012-06/interview-femen-ukraine-protest
(5) femen.org

Pornographie und Feminismus

[Inhaltshinweis/ Triggerwarnung: sexualisierte Gewalt, Pornographie/ Darstellung von Sex, explizite Sprache]

Pornographie wird und wurde bereits ausführlich und kontrovers diskutiert, sowohl in akademischen, viel in feministischen und auch in öffentlich-medialen Diskursen. Warum ist dieses Thema dann immer noch so spannend und die Seiten wert in diesem Reader? Pornographie ist und bleibt ein Reizwort, welches die Gemüter – auf ganz unterschiedliche Arten – erregt. Einerseits wird Porno massenhaft produziert und (leichter zugänglich denn je) konsumiert – eine verhältnismäßig angemessene Reflexion diesbezüglich bleibt jedoch aus. Fast schon omnipräsent umgeben uns pornographische oder porno-zitierende Bilder – in Werbung, Internet, Fernsehen und Printmedien –, gleichzeitig wird pornographisches Material (immer noch) stark tabuisiert. Das hohe Maß an Emotionalität, mit dem dieses Thema häufig diskutiert oder eben verschwiegen wird, hängt mit der engen Verknüpftheit von Sexualitäten, Identitäten und gesellschaftlichen1 Verhältnissen zusammen, die im Thema Pornographie aufscheinen und die eine kritische Auseinandersetzung – gerade aus einer queerfeministischen Perspektive – interessant und wichtig machen.

Wenn hier von „Pornographie“ die Rede sein wird, ist jegliche explizite Darstellung von sexuellen Handlungen in Schrift und Bild gemeint. In der Debatte wird Porno häufig getrennt vom Begriff der „Erotika“. Diese Trennung impliziert jedoch, dass es eine gute und eine böse Art gäbe, Sexualität darzustellen: Nämlich einerseits die saubere, moralisch wertvolle, erotisch-weichgezeichnete, künstlerische (oder aber die wissenschaftlich-neutrale Art) – und andererseits die moralisch verwerfliche, schmutzige, explizite Art des Pornos.
Als Feministinnen haben wir erstmal (nicht zuletzt dank Alice Schwarzer) gelernt, dass an Porno an sich nichts Gutes sein kann. Aber was ist es eigentlich, das PorNO-Feminist_innen an Pornographie auszusetzen gehabt haben bzw. es immer noch tun? Welche ihrer Kritikpunkte können Bestand haben und welche nicht? Welche Merkmale des (Mainstream-)Pornos sind aus einer feministischen Perspektive abzulehnen? Können sich pornographische (Vor-)Bilder auf Sexualitäten und sexuelle Praxen auswirken – postitiv wie negativ? Kann es etwa eine Pornographie geben, die feministisch affirmiert werden kann?

Zunächst also zu den entschlossenen Porno-Gegnerinnen: In den 1980er Jahren entbrannte eine feministische Auseinandersetzung um die Legitimität von Pornographie, welche später aufgrund ihrer Heftigkeit die Bezeichnung „feminist sex wars“ erhielt. Vor allem in den USA und später auch in der BRD wurde hierbei kontrovers über Sexualität, Begehren und eben Pornographie diskutiert, wobei als wichtige Vertreterinnen eines antipornographischen Standpunktes Catharine MacKinnon, Andrea Dworkin und Alice Schwarzer zu nennen sind. In ihren Argumentationen kritisieren sie scharf die Reproduktion von Frauenverachtung durch pornographische Materialien und exponieren Porno als eine zentrale Instanz des Patriarchats. Er diene ausschließlich der Erregung von Männern und degradiere Frauen zu reinen Objekten männlicher Lust und Macht, so die antipornographischen Feministinnen. Sie gehen von einer Art „Reiz-Reaktions-Schema“2 aus: Von einer direkten Wirkung von Bildern auf reale Handlungen von Porno-Konsumenten. So wird also versucht, Pornos als Anleitung zur Vergewaltigung zu entlarven. Doch diese These scheint arg simplifiziert – sie wird dem komplexen Verhältnis zwischen dem Handeln von Porno-Rezipient_innen und den Bildern, mit denen sie sich konfrontieren, nicht gerecht.
Sexualität und damit auch ihre Darstellung bzw. Inszenierung im Porno ist (bisher) immer verknüpft mit Geschlechteridentitäten und Geschlechterbeziehungen, und damit läuft Porno stets Gefahr, repressive Normen diesbezüglich zu (re-)produzieren. Doch nicht jegliche Sexualität ist per se sexistisch, also bleibt zu bezweifeln, dass auch jeder Porno sexistisch sein muss. „[E]s ist einfach nicht möglich, die Darstellung eines Penis per se als ein Beispiel männlicher Vorherrschaft anzusehen“3, so stellt Linda Williams fest.
Des Weiteren wird dem Porno unterstellt, eine Abbildung von realen (Geschlechter-)Verhältnissen zu sein. Dies ist insofern nicht ganz falsch, da die Darsteller_innen wirklichen Sex vor der Kamera haben, und außerdem Pornographie aus den gesellschaftlichen Verhältnissen heraus entsteht und ein Teil dieser ist. Jedoch erscheint ein Verständnis von Pornographie als direkte Wiedergabe bzw. Wiederholung von sexuellen Handlungen, wie sie „außerhalb“ des Pornos praktiziert werden, nicht
nachvollziehbar.
Die antipornographischen Argumentationen verfolgen das Ziel, den Porno als Verkörperung und Instrument des Patriarchats zu bekämpfen – verfehlen dieses Ziel allerdings, indem sie Geschlechteridentitäten und damit zusammenhängend Sexualitäten biologistisch erklären und determinieren: „Männer“ haben eine triebhafte Sexualität, der sie ausgeliefert sind, und verhalten sich in ihr dominant-aggressiv. „Frauen“ laufen stets und ständig Gefahr, von einem „Mann“ vergewaltigt zu werden; ihre Sexualität ist gekennzeichnet als devot-passiv. Sexuelle Rollenbilder, die im Porno gezeigt werden und sicherlich als Vorbilder fungieren können, werden mehrheitlich
zurecht als sexistisch kritisiert – jedoch wiederholen die Porno-Gegnerinnen diese Rollenbilder stetig in ihren Kritiken und schaffen es somit nicht, in ihrer Kritik über das binäre Geschlechterschema und die dazugehörigen (sexuellen) Identitäten und Verhaltensweisen hinaus zu denken, sondern tragen sie vielmehr dazu bei, diese zu betonieren.
Ein weiteres Argument gegen Pornographie lautet, dass diese ihrem Wesen nach gewaltvoll sei; dass die Darstellerinnen in jedem Fall zu ihrer Tätigkeit gezwungen würden. Doch auch wenn sich tatsächlich in vielen Inszenierungen aggressive Handlungen finden lassen (wie z.B. Würgen, Schlagen), die mehrheitlich von Männern an Frauen ausgeführt werden, müssen jedoch derartige
Handlungen nicht zwangsläufig gegen den Willen der Darstellerin passieren. Frauen, die als Sexarbeiterinnen tätig und als solche an Porno-Produktionen beteiligt sind, können durchaus in der Lage sein, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, mit welchen Praktiken sie einverstanden sind und mit welchen auch nicht. Weiblichen Porno-Darstellerinnen ihren Subjektstatus und damit ihre Selbstbestimmung abzuerkennen, kann kein feministisches Anliegen sein. Hier soll nicht verschleiert werden, dass in der Porno-Branche Grenzüberschreitungen passieren und Frauen sich aus unterschiedlichen Zwängen für diesen Beruf entscheiden – Grenzüberschreitungen passieren allerdings in diversen Arbeitsverhältnissen und auch Entscheidungen für andere Berufe können von
Zwängen bestimmt sein. Sexarbeiter_innen sind sicherlich vulnerabler durch ihre spezifische Arbeitssituation, sollten jedoch nicht als Opfer stilisiert werden. In den Analysen ihrer Gegnerinnen erscheint die Pornographie als Wurzel allen (patriarchalen) Übels – Dworkin kommt sogar zu dem Schluss, „daß wir frei sein werden, wenn es keine Pornographie mehr gibt.“4 Doch übersehen wird hierbei, dass Porno aus spezifischen gesellschaftlichen Verhältnissen entsteht, und damit eher als Symptom einer patriarchalen, heterosexistischen Gesellschaft gelesen werden kann – nicht aber
als ihre Ursache. Der Versuch, Pornographie derart zur Verantwortung zu ziehen für die Konstruktion von Differenzlinien, die unsere Gesellschaft durchziehen und mit ihnen einhergehend Diskriminierungen und Privilegierungen entlang dieser Linien, muss scheitern. Auch im Porno, welcher in dieser Gesellschaft nachgefragt und hergestellt wird, werden Geschlechterverhältnisse und -normen reproduziert – dies geschieht jedoch ebenfalls und zuerst an anderen gesellschaftlichen Orten. Zum Beispiel sind andere, nicht als Porno gelabelte Medien wie Spielfilme oder Werbespots, in viel größerem Maße beteiligt an der Verbreitung von normativen Bildern von Körpern, Begehrensformen und Identitätsentwürfen. Barbara Eder bemerkt dazu: „Gefragt wird, wenn von Pornographie die Rede ist, freilich nie danach, wie viele Opfer das in Romanzen und Liebesfilmen verklärte Zweisamkeitsideal nach sich gezogen haben mag und auch von den Leiden, die sexuell überhöhte Eigentums- und Verfügungsverhältnisse in die Welt gebracht haben, war noch nicht die Rede.“5 Pornographie sollte folglich als ein wirkmächtiges Medium unter vielen analysiert
werden.

Werden die zentralen Elemente des „Mainstream-Porno“ beleuchtet, wird deutlich, warum Pornografiegegner_innen so vehement (wenn auch leider völlig verkürzt) argumentiert haben. Das wiederkehrende Muster sieht folgendermaßen aus: In den allermeisten Szenen agieren Personen miteinander, die deutlich als „weiblich“ und „männlich“ zu identifizieren sind; sie sind jung, ohne Behinderungen, schlank, und weiß6. Es findet heterosexueller Sex statt, bei dem die Handlungsmöglichkeiten klar verteilt sind: Männer agieren eher aktiv und dominant, Frauen eher passiv und devot. Es wird ein begrenztes Repertoire an sexuellen Praktiken gezeigt, indem meist Oral-, Vaginal- und Analverkehr aufeinander folgend vollzogen werden. Das Ziel des Geschehens ist die männliche Ejakulation, bei der meistens das Ejakulat auf dem Gesicht, den Brüsten oder dem Hintern der Frau landet. Der Penis und die männliche Lust stehen im Fokus, während alle Beteiligten zweifellos lustvoll bei der Sache zu sein scheinen. Die Körper scheinen fragmentiert durch eine Reduzierung auf die sogenannten primären und sekundären Geschlechtsteile. Selten werden Safer-Sex-Vorkehrungen getroffen und das Einverständnis der Beteiligten scheint ohne irgendwelche Absprachen einfach vorhanden zu sein.
Kein Wunder, dass Feministinnen in den 80gern auf die Barrikaden gegangen sind – so wie hier eifrig hegemoniale, repressive Normen reproduziert und massenhaft verbreitet werden. Nicht nur bezüglich Geschlechteridentitäten und den dazugehörigen Begehrensformen, sondern damit verwoben auch bezüglich Rassismus, Lookism, Agism, Abelism. Trotzdem – eine pauschale Ablehnung von Darstellungen von Sexualität kann keine Lösung sein. Auch Zensur und Tabu tragen zur Normstabilisierung bei und die Diagnose zum Mainstream-Porno macht vielmehr deutlich, dass eine alternative, subversive, bessere Pornographie nötig ist, die (queer-)feministischen Ansprüchen genügt. Mit Martin Büsser wollen wir „die Hoffnung auf einen normative Konzepte und Machtkonstruktionen über Bord werfenden Porno“7 nicht aufgeben – und stellen uns damit auf die Seite der ProSex-Feminist_innen. Diese haben seit den „sex wars“ auf der Möglichkeit eines feministischen Pornos bestanden, für sexuelle Selbstbestimmung gekämpft und sind z.T. selbst als Porno-Produzent_innen aktiv geworden. „If you do not like the porn you find, do it yourself“, zitiert Marìa Llopis, die Teil des „GirlsWhoLikePorno“-Netzwerks8 ist, die queerfeministische Porno-Künstlerin Annie Sprinkle, und führt weiter aus: „Porn is political. Anything we do is political, simply by the way we place the camera, the bodies we choose to show, the spaces, the ethics of communication and affects, etc. We can make porn which reflects our queer_feminist perpectives, and it can be very hot, too.“9
Erregendes Bildmaterial und politischer Anspruch müssen sich also nicht ausschließen! Es scheint Möglichkeiten zu geben, mit den Mitteln der Pornographie das zu verändern, was an ihr kritisiert wird: Indem Entscheidungen getroffen werden – bezüglich der Kameraführung, der gezeigten Körper- und Kommunikationsformen, etc. –, die mit einem queerfeministischen Anliegen konform gehen bzw. aus diesem heraus entstehen. Für in der herrschenden Gesellschaftsordnung sexuell Minorisierte kann durch tolle Pornographie ein Empowerment stattfinden, wie es vielleicht mittels emanzipatorischer Theorie allein nicht befördert werden kann. Positive Bilder und Begriffe für weibliche oder für nicht in das duale Geschlechterschema passende Körper(-teile) können in Szene gesetzt werden. Orgasmus- und Genitalienfixierung können Platz machen für Variationen von sexuellen Körpern, Lüsten, Praktiken. Dass das Einverständnis aller Beteiligten die Voraussetzung zum Sex sein muss, kann vermittelt werden, indem verbale und nonverbale Kommunikation teil der Handlung werden; indem auch Raum für Unsicherheiten oder Komisches da ist. Dadurch, dass von Normen abgewichen wird und Gewohnheiten irritiert werden, kann „das Begehren neue Bewegungsrichtungen erproben“10 und „neue Subjektivitäten und Kräfteverhältnisse in der sexuellen Praktik denk- und aushandelbar werden“11. Queerfeministische Porno-Produktionen, wie z.B. die schwedischen „Dirty Diaries“12, können mit Vulva und Verstand13 genossen werden, und die Rezipient_innen können die sexuellen Handlungen Anderer, die sie im Porno sehen, lustgewinnbringend in ihre eigene Sexualität einbeziehen.

(1) Innerhalb und aus der Sicht westlich-europäischer Gesellschaft.
(2) Voss, Katharina (2007): „IT‘S QUEER UTOPIA, STUPID.“ – IS IT? Sieben Statements zu Pro Sex. In: A.G. Genderkiller (Hrsg.): Das gute Leben. Linke Perspektiven auf einen besseren Alltag. Münster: UNRAST Verlag. S. 69-91. S. 76
(3) Williams, Linda (1989/1995): Hard Core. Macht, Lust und die Traditionen des pornographischen Films. Basel, Frankfurt a.M.: Stroemfeld Verlag. S. 337 (Hervorhebung im Original)
(4) Dworkin, Andrea (1979/1989): Pornographie. Männer beherrschen Frauen. Köln: Emma Frauenverlag. S. 268
(5) Eder, Barbara (2008): From Hard-Core to Post-Porn. Sex, Gender und der kalte Blick aufs nackte Fleisch. In: testcard. Beiträge zur Popgeschichte #17: Sex. Mainz: Ventil Verlag. S. 96-100. S. 97
(6) Mit der Kursivschreibung von weiß möchten wir auf den Konstruktionscharakter dieses Begriffs hinweisen
(7) Büsser, Martin (2008): For your pleasure. Fragmente einer Porno-Komparistik. In: testcard. Beiträge zur Popgeschichte #17: Sex. Mainz: Ventil Verlag, S. 78-85. S. 84
(8) www.girlswoholikeporno.com
(9) Llopis, María / Stüttgen, Tim (2009): Without risk, there is nothing to fight for. In: Stüttgen, Tim (Hrsg.): Post/Porn/Politics. Queer_Feminist Perspective on the Politics of Porn Performance as Sex_Work as Culture Production. Berlin: b-books. S. 258-281. S. 261
(10) Engel, Antke (2009): How to Queer Things with Images? Von der Phantasielosigkeit der Performativität und der Bildlichkeit des Begehrens.In: Paul, Barbara / Schaffer, Johanna (Hg): Mehr(wert) Queer. Queer Added (Value). Visuelle Kultur, Kunst und Gender-Politiken – Visual Culture, Art, and Gender Politics. Bielefeld: transcript. S. 101-118. S. 108
(11) Stüttgen, Tim (2006): Zehn Fragmente zu einer Kartografie postpornografischer Politiken. In: Texte zur Kunst Nr. 64 „Porno“. S. 59-67. S. 64
(12) www.dirtydiaries.se
(13) Natürlich auch mit Penis oder sonstigen Körperteilen. Und damit wollen wir nicht einen Körper-Verstand-Dualismus zementieren.

Literatur:
• Bremme, Bettina (1990): Sexualität im Zerrspiegel. Die Debatte um Pornographie. Münster, New York: Waxmann Verlag
• Büsser, Martin (2008): For your pleasure. Fragmente einer Porno-Komparistik. In: testcard. Beiträge zur Popgeschichte #17: Sex. Mainz: Ventil Verlag, S. 78-85.
• Dworkin, Andrea (1979/1989): Pornographie. Männer beherrschen Frauen. Köln: Emma Frauenverlag.
• Eder, Barbara (2008): From Hard-Core to Post-Porn. Sex, Gender und der kalte Blick aufs nackte Fleisch. In: testcard. Beiträge zur Popgeschichte #17: Sex.
Mainz: Ventil Verlag. S. 96-100
• Engel, Antke (2009): How to Queer Things with Images? Von der Phantasielosigkeit der Performativität und der Bildlichkeit des Begehrens. In: Paul,
Barbara / Schaffer, Johanna (Hg): Mehr(wert) Queer. Queer Added (Value). Visuelle Kultur, Kunst und Gender-Politiken – Visual Culture, Art, and Gender Politics. Bielefeld: transcript. S. 101-118
• Faulstich, Werner (1994): Die Kultur der Pornographie. Kleine Einführung in Geschichte, Medien, Ästhetik, Markt und Bedeutung. Bardowick: Wissenschaftler- Verlag
• Kraß, Andreas (2003): Queer Studies – eine Einführung. In: Kraß, Andreas (Hrsg.): Queer denken. Gegen die Ordnung der Sexualität (Queer Studies). Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag
• Llopis, María / Stüttgen, Tim (2009): Without risk, there is nothing to fight for. In: Stüttgen, Tim (Hrsg.): Post/Porn/Politics. Queer_Feminist Perspective on the Politics of Porn Performance as Sex_Work as Culture Production. Berlin: b-books. S.
258-281
• Stüttgen, Tim (2006): Zehn Fragmente zu einer Kartografie postpornografischer Politiken. In: Texte zur Kunst Nr. 64 „Porno“. S. 59-67
• Voss, Katharina (2007): „IT‘S QUEER UTOPIA, STUPID.“ – IS IT? Sieben Statements zu Pro Sex. In: A.G. Genderkiller (Hrsg.): Das gute Leben. Linke Perspektiven auf einen besseren Alltag. Münster: UNRAST-Verlag. S. 69-91
• Williams, Linda (1989/1995): Hard Core. Macht, Lust und die Traditionen des pornographischen Films. Basel, Frankfurt a.M.: Stroemfeld Verlag.
Internet:
• www.girlswholikeporno.com
• www.dirtydiaries.se

Für ein Recht auf Straße – gegen Repression und Kriminalisierung in St.Georg

Recht auf Straße – Bündnis

Die Sexarbeiter_innen im Hamburger Stadtteil St. Georg erfahren, trotz der Legalität ihres Berufes, eine Illegalisierung durch die hier bestehende Sperrgebietsverordnung und eine von Politik und Anwohner_innen initiierte Kampagne der Vertreibung und Ausgrenzung. Es muss sich ein breiter Widerstand formieren, der diese Verhältnisse angreift und sich gegen Repression und Kriminalisierung stellt.

Im Jahr 2002 wurde das Prostitutionsgesetz in Deutschland verabschiedet. Mit diesem Gesetz wird Sexarbeit im juristischen Sinne nicht mehr als sittenwidrig gesehen und erhält den Status einer legalen Dienstleistung. Dies beinhaltet neben der Steuerpflicht auch die Möglichkeit, sich unter der Berufsbezeichnung Prostituierte zu versichern, und das Recht, ausstehende Bezahlungen einzuklagen.
Faktisch hat das ProstG jedoch weder an der gesellschaftlichen Stigmatisierung von Prostitution, noch an den realen Arbeitsbedingungen etwas geändert. Aktuelle Entwicklungen im Hamburger Stadtteil St. Georg zeigen dieses in besonderem Maße.
Es muss auf die unhaltbaren Zustände in St. Georg aufmerksam gemacht werden, eine Gegenposition zum hegemonialen Diskurs bezogen und sich aktiv gegen eine Politik der Vertreibung „unliebsamer“ Gruppen gestellt werden!

Sperrgebiet – Instrument der Vertreibung und Kriminalisierung

Trotz der bundesweiten Gesetzgebung zur Legalisierung von Prostitution gibt es für die einzelnen Bundesländer die Möglichkeit, in Städten sogenannte „Sperrgebiete“ zu errichten. Dies geschieht auf Grundlage der sogenannten „Sperrgebietsverordnung“ , welche die Ausübung von Prostitution „zum Schutz der Jugend oder des öffentlichen Anstandes“ in festgelegten Gebieten untersagt. Unter anderem wird bei Verstoß ein Bußgeld verlangt.
Aufgrund (partei)politischer Interessen werden so häufig Plätze, an denen sich seit langer Zeit eine Community von Sexarbeiter_innen einen Wohn-, Arbeits- und Lebensraum geschaffen hat, zu Sperrgebieten erklärt und die Sexarbeiter_innen in Randbezirke gedrängt.

Gefahrengebiet St. Georg

Die Sperrgebietsverordnung ist jedoch nicht das einzige Instrument zur Kriminalisierung ganzer Personengruppen. Ähnliches leistet auch das in St. Georg eingerichtete „Gefahrengebiet“.
Innerhalb eines solchen Gefahrengebietes darf die Polizei ohne konkreten Verdacht oder drohende Gefahr „Personen kurzfristig anhalten, befragen, ihre Identität feststellen und mitgeführte Sachen in Augenschein nehmen“ 1(§ 4 Abs. 2 PolDVG). Die Folgen dieser Kontrollen können von einem Platzverweis oder einem Aufenthaltsverbot bis hin zur Ingewahrsamnahme reichen. Wer diesen massiven Eingriff in die Grundrechte ertragen muss, liegt ganz in der Definitionsmacht der Polizei. St. Georg unterliegt somit einem polizeilichen Ausnahmezustand, der staatlicherseits den Weg für „Aufwertungs-“prozesse im Stadtteil ebnet.

Illegalisierung und Kriminalisierung verschärfen die Situation

Die Gefahrengebietsregelung in St. Georg hat als besondere Zielgruppe „Personen, die (…) vom äußeren Erscheinungsbild und/oder ihrem Verhalten der Drogenszene zugeordnet werden können“2. Viele der Sexarbeiter_innen in diesem Viertel sind Drogenkonsument_innen und damit von der Gefahrengebietsregelung in besonderem Maße betroffen. Zusammen mit den Repressionen durch die Sperrgebietsverordnung und den Regelungen des Betäubungsmittelgesetzes wird die Situation der drogengebrauchenden Sexarbeiter_innen von staatlicher Seite aus erheblich verschärft.
Die extrem hohen Schwarzmarktpreise für Drogen (auch als Folge des BtmG) und die gravierende Erhöhung der Bußgelder (von 50 auf 200 Euro) steigern den Druck auf die Sexarbeiter_innen und verunmöglichen so ein selbstbestimmtes Arbeiten, welches auch die Ablehnung von Freiern miteinschließt. Die Betroffenen werden auf diese Weise in ihrer prekären Situation noch verletzlicher gemacht und so steigt auch die Gefahr von gewalttätigen Übergriffen auf die Sexarbeiter_innen.
Eine Vertreibung aus dem Viertel würde die ohnehin schon schwierige Situation der Sexarbeiter_innen noch verschärfen, da die Anbindung an das Hilfesystem der akzeptierenden Drogenarbeit verloren gehen würden. Eine Verlagerung der Strassenprostitution von St. Georg nach Rothenburgsort, wie sie im Gespräch ist, würde für die Sexarbeiter_innen somit den Verlust ihres, zwar kleinen aber bestehenden, sozialen Schutzraumes bedeuten.
An die – sehr viel naheliegenderen Lösungen – der Entkriminalisierung von Sexarbeit und kontrollierten Legalisierung von Drogen scheinen weder die Polizei, noch die Verantwortlichen in der Politik interessiert zu sein. Dabei würden diese Alternativen zu immer weiterer Verschärfung der Repression den Sexarbeiter_innen wie auch den Anwohner_innen im Stadtteil zugute kommen.
Neben den drogenkonsumierenden Sexarbeiter_innen, befindet sich auch die Gruppe derjenigen, die ohne legalen Aufenthaltsstatus der Prostitution nachgehen, in einer prekären Situation. Restriktive Migrationsgesetze verursachen Isolation und liefern die Betroffenen an Verhältnisse aus, die von Ausbeutung und Abhängigkeiten geprägt sind. Diese Sexarbeiter_innen sind gezwungen, versteckt zu leben und zu arbeiten, um dem Zugriff der Polizei und somit ihrer Abschiebung oder Haft zu entgehen. Auch hier würde eine Veränderung des Aufenthaltsgesetzes und eine Entkriminalisierung der Betroffenen Abhilfe schaffen.

St. Georg – ein Stadtteil für alle?

Bereits 1980 wurde das Viertel zum Sperrgebiet erklärt und Menschen wegen der Ausübung von Prostitution mit Bußgeldern bestraft. Mitte der neunziger Jahre setzte dann ein stadtteilpolitischer „Aufwertungs-“prozess ein. Diese Gentrifizierung ist Teil einer Stadtentwicklungspolitik, mit der Städte im Sinne von Marktinteressen durchökonomisiert und so zu anschlussfähigen Produktions- und Konsumräumen werden sollen. Als Teil dessen steigen die Mietpreise, die Bewohner_innenzusammensetzung ändert sich durch den Zuzug einkommensstarker Bevölkerungsgruppen und damit geht die Verdrängung der Einkommensschwächeren einher. Menschen, die diesem Interesse vermeintlich entgegenstehen bzw. nicht genügend Beitrag leisten, werden in die Außenbezirke der Städte vertrieben.
Obwohl schon der alleinige Zuzug in Stadtteile diese Prozesse reproduziert, scheuen sich einige Anwohner_innen in St. Georg nicht davor, eine noch schnellere Gangart einzulegen. Teils organisiert in Stadtteilinitiativen, wird nun von Anwohner_innen eine Hetzkampagne gegen die Sexarbeiter_innen angetrieben, um den „Strich“ nach Rothenburgsort zu verlagern. Gleichzeitig wird von exekutiver Seite die Sperrgebietsverordnung in St. Georg konsequenter durchgesetzt, was sich unter anderem an der eklatanten Erhöhung der Bußgelder für Sexarbeiter_innen zeigt. Die vehementen Forderungen nach einer „Reinigung“ St. Georgs durch sich verantwortlich fühlende Bürger_innen und Gewerbetreibende zeigen so Wirkung.

Hansaplatz – Macchiato statt Marginalisierte

In der bisher sehr einseitig geführten Debatte um Sexarbeit in St. Georg hat sich besonders die Hansaplatz-Initiative durch ihre Hetze hervorgetan. In dieser Initiative haben sich Anwohner_innen zusammengeschlossen, um die Entwicklung des Stadtteils nach ihren Vorstellungen voranzutreiben. Sie hätten gerne eine „bunte Vielfalt von Kunst und Kultur, Geschäften, Gastronomie und Gewerbe am und um den Hansaplatz“ und „menschenwürdige Verhältnisse“3 für ihre Kinder und Jugendlichen. Aber das Gewerbe, das seit langem kennzeichnend für den Hansaplatz ist, nämlich die Sexarbeit, ist damit natürlich nicht gemeint. Vielmehr geht es um die Forderung nach Vertreibung der Sexarbeiter_innen von den Straßen des Stadtteils.
Durch die Kriminalisierung aufgrund der gegenwärtigen Gesetzeslage bedeutet Vertreibung für die Sexarbeiter_innen jedoch auch Inhaftierung und Abschiebung. Dies wird billigend in Kauf genommen. Dabei haben sich die Mitglieder der Initiative „mit der Kenntnis angesiedelt, dass das Viertel ein historischer Kiez ist und mehr Lebensfacetten anzutreffen sind als in anderen Stadtteilen“4. Trotzdem werden Lebensrealitäten, die nicht ihrer eigenen privilegierteren Situation gleichen, als störend und bedrohlich konstruiert.
Die „bunte Vielfalt“ entpuppt sich so als Deckmantel für Rassismus und das Wohl der Kinder muss herhalten für die verquere und ausgrenzende Weltanschauung der Erwachsenen.
Als weiteres Feindbild hat sich die Initiative die schon erwähnten sozialen Einrichtungen auserkoren, die im Stadtteil akzeptierende Arbeit für die Sexarbeiter_innen leisten. Den Einrichtungen wird vorgeworfen, Menschenhandel hinzunehmen und die Kriminalität im Stadtteil zu fördern. So wird auch gegen diejenigen Stimmung gemacht, welche die marginalisierten Sexarbeiter_innen unterstützen.

Sexarbeit ist kein Menschenhandel

In den Ausführungen der Hansaplatz-Initiative wird die EU-Osterweiterung benutzt, um den angeblichen Anstieg von organisierter Kriminalität, Drogen- und Menschenhandel im Viertel zu erklären. Neben dem sich hier zeigenden Rassismus und der Darstellung einer subjektiven Wahrnehmung als Tatsache, wird zudem die im Viertel stattfindende Sexarbeit mit Menschhandel gleichgesetzt. Dass Menschenhandel mit sexueller Ausbeutung (fälschlicherweise auch „Zwangsprostitution“ genannt) auch in St. Georg vorkommt, ist nicht zu bestreiten und ohne Frage beschissen. Davon auszugehen, dass alle Migrant_innen in der Sexarbeit per se Opfer von

Menschhandel sind, ist jedoch genauso diskriminierend wie es beschönigend ist, immer von einer frei gewählten Beschäftigung auszugehen. Sexarbeit ist NICHT mit Menschenhandel gleichzusetzen. Beim Ersten handelt es sich um Lohnarbeit, beim Zweiten schlichtweg um ein Verbrechen an der Menschlichkeit.

Freie Wahl im herrschenden System?

Sexarbeit stellt eine Form der Dienstleistung dar, die Sex – vielmehr sexuelle Dienstleistung – als Ware verkauft. Sexarbeit ist demnach als Arbeit anzuerkennen, die aufgrund unterschiedlichster Motive oder eben auch Zwangslagen – jenseits von Menschenhandel – ergriffen wird. Wer die Frage nach der Freiwilligkeit von Sexarbeit aufwirft, muss sich aber auch der Frage nach einer Freiheit der Wahl bezüglich der Lohnarbeit im kapitalistischen System widmen. Jenseits der vermeintlich „freien Berufswahl“ steht Lohnarbeit an sich überhaupt nicht zur Diskussion. Es entsteht ein gesellschaftlicher Zwang, welcher Lebensentwürfe jenseits von Lohnarbeit unmöglich macht.
Entscheiden sich nun Menschen für Sexarbeit als Erwerbstätigkeit – analog zum Zwang zur Lohnarbeit –, wird trotzdem ihre subjektive Handlungsfähigkeit als Lohnarbeiter_innen in Frage gestellt und ihnen als Sexarbeiter_innen per Definition die Rolle des Opfers zugeschrieben. Dies entzieht den Betroffenen die Macht über die eigene Definition und reproduziert das zugeschriebene passive Rollenbild. Die Sexarbeiter_innen sind NICHT per se Opfer, sondern in ihrer spezifischen Arbeitssituation lediglich vulnerabler als andere.
So wie Sexarbeit im Kontext des Kapitalismus zu betrachten ist, müssen in einer Analyse der Sexarbeit ebenso die herrschenden Geschlechterverhältnisse Beachtung finden. In feministischen Debatten hierüber kommt es immer wieder zu Diskussionen, die sich um die Frage der Reproduktion von geschlechtlichen Machtverhältnissen in der Sexarbeit drehen. Dem Konzept der Sexarbeit liegt die Wirkmächtigkeit der Geschlechterverhältnisse zugrunde, in welchen sich in Reproduktion bestimmter Machtstrukturen eine Nachfrage entwickelt. Hier wird sichtbar, dass eine Kritik nicht an Sexarbeit selbst anzusetzen ist, sondern in dem gesellschaftlichen Verhältnis, aus welcher sie ent- und besteht. Die verschiedenen Machtachsen, an denen sich Ungleichheiten bilden und verfestigen, müssen in den Blickpunkt der Kritik gesetzt werden.
Die Doppelmoral der Mehrheitsgesellschaft, die einerseits die sexuellen Dienstleistungen nutzt, sie andererseits aber ablehnt und stigmatisiert, kriminalisiert Sexarbeiter_innen und grenzt sie aus der Gesellschaft aus. Um die Sexarbeiter_innen in ihrer Handlungsfähigkeit gegen Ausbeutung und Abhängigkeit zu unterstützen, muss sich solidarisch auf sie bezogen und gegen die fortwährende Stigmatisierung gekämpft werden.

Recht auf Straße!

Dass auch Sexarbeiter_innen Rechte haben und ebenso zu den Anwohner_innen von St. Georg zählen, interessiert Politiker wie Herrn Markus Schreiber (Bezirksmatsleiter Mitte), die Hansaplatz- Initiative und auch andere Bürger_innen herzlich wenig. Sie möchten den Druck noch erhöht wissen, um das Prostitutionsgebiet endlich zu verlagern.

Wir setzen ein „Recht auf Stadt bedeutet auch ein Recht auf Straße!“ dagegen und fordern:

•Sperrgebiete abschaffen!

•Gefahrengebiete aufheben!

•Gesicherter Aufenthaltsstatus für Alle!

•Entstigmatisierung und Entkriminalisierung von Sexarbeiter_innen!

•Kontrollierte Legalisierung von Drogen und Ausbau der akzeptierenden Drogenarbeit!

•Geschlechterverhältnisse dekonstruieren!

purl & diss_ Juni 2011

(1) http://www.grundrechte-kampagne.de/kampagne/generalverdacht-im-gefahrengebiet
(2) ebd.
(3) http://initiative-hansaplatz.de/Anliegen.html
(4) ebd.

Eine Frage der Solidarität?

Zur (Un)möglichkeit von Räumen für FrauenLesbenTrans* (im Folgenden FLT) innerhalb von linker Szene
Im Rahmen der jährlichen Silvio-Meier-Gedenk-Demonstration in Berlin riefen die AAS- Autonome Antisexist_innen Berlin bewusst zu einer ersten Reihe aus „weiblich sozialisierten“ Menschen auf, um ein „heterogenes Bild von Antifa-Demonstrationen zu transportieren“. Damit sollte vor allem auf die „bestehenden starren Strukturen und Geschlechterrollen-Verteilung“ auf Demonstrationen aufmerksam gemacht und ein „Anstoß zum Überdenken und Umkrempeln“ gegeben werden. Auch wenn wir die Formulierung als vermeintlich identitäts- und gemeinsamkeitsstiftendes Moment problematisch finden, da sie zum einen starke Rückbezüge auf gesellschaftliche Strukturen nimmt, die wir kritisieren, und zum anderen unnötige Ausschlüsse produziert (z.B. von Transmenschen), soll sich dieser Text weniger um den Aufruf, als um die Reaktionen darauf, drehen. Im Aufruf wurde auch darauf hingewiesen, dass diese Form nur „exemplarisch für ein nicht-geschlechtsspezifisches Bild von Demonstrationen“ stehen solle, in welchem „jegliche Form von Stereotypen und wie auch immer geartete Festlegungen durchbrochen“ werden sollen (vgl. Antisexit_Innen Berlin: Aufruf zur Frauenreihe auf der Silvio-Meier-Gedenk-Demonstration 2010 in Berlin).

Zunächst einmal müssen an dieser Stelle wohl die Moderationskriterien Indymedias stark hinterfragt werden.* Aufgrund dieser der am 15.11.2010 dort erschienene Aufruf, zwei Tage später versteckt wurde. Zum Verstecken wäre jedoch eher die auf den Aufruf folgende, sexistische Kackscheiße in der Ergänzungsspalte gewesen.
Es folgten Gegenaufrufe und Verdrehungen von Forderungen des ursprünglichen Aufrufs. Das heuchlerische Argument des ‚umgedrehten Sexismus‘ wurde genauso ausgepackt, wie offenes Feminismus-bashing. (Wir haben keine Lust diese Ergüsse hier zu zitieren, wer sie lesen möchte, findet sie im openposting auf indymedia.)
Es brennt uns förmlich unter den Nägeln, etwas zu diesem ‚Beissreflex‘ los zu werden, mit dem sich alle ‚Nicht-männlichen‘, immer wieder konfrontiert sehen, wenn es um die Etablierung von ‚männerfreien‘ Räumen für FLT geht. Egal ob innerhalb einer Demo oder generell innerhalb linker Strukturen.

Dieser Beissreflex manifestiert sich für uns in unterschiedlichen Äußerungsformen.
Bereits bei Beginn der Gestaltung von Räumen für nicht-Männer kommt es meist zur massiven und selten offenen Infragestellung der Legtimität eines solchen Raumes. Diese Infragestellung versteckt sich oftmals hinter vermeintlicher Empathie, die häufig Hand in Hand mit auffällig spitzfindiger Kritik geht.
Die Forderung nach Auflösung geschlechterspezifischer Identitäten wird hier auf einmal zum Bezugspunkt, obwohl sie an anderer Stelle viel zu selten Erwähnung findet. Daran anschließend wird auf einmal der vermeintliche Sexismus problematisiert der in anderen Situationen häufig ausgeblendet wird.
Das verquere Denken eines ‚umgekehrten Sexismus‘ negiert jegliche Form gesellschaftlicher Machtstrukturen. Erschreckend, dass in einer sich selbst als emanzipatorisch bezeichnenden Szene, dieses Argument immer wieder als vermeintlicher Totschläger eingesetzt wird.
Wir befürworten jegliche Form kritischer Auseinandersetzung mit Veränderungen innerhalb linker Szene. Leider muss immer wieder beobachtet werden, dass die Kritik, die an FLT-Räumen und der Politik, die in ihnen gemacht wird, in den seltensten Fällen solidarischer Art ist. Viel mehr schwingt ein delegitimierendes ‚Gestichel‘ mit, welches in unseren Augen eine unterschwellige Angst vor Raum- und dadurch auch Machtverlust offenbart. Anstatt sich solidarisch zu zeigen, wird sich bestenfalls in ‚gut gemeinter‘ Akzeptanz geübt. Es wird hierbei unterschlagen, dass es einer gewissen Form von Raumhoheit bedarf, um überhaupt etwas oder jemanden akzeptieren zu können. Diejenigen, die einfach nur akzeptieren, verbleiben also in einer überlegenen Position, welche es ihnen überhaupt erst erlaubt Akzeptanz üben zu können. An dieser Raumhoheit zeigt sich erneut, welche Machtstrukturen auch in linker Szene etabliert sind, und wie wichtig genau deshalb (Frei-)räume für FLT sind.
Neben einer Raumhoheit offenbart sich zusätzlich eine Definitionshoheit, die meint, darüber urteilen zu können, welche politische Arbeit (innerhalb dieser Räume) als ernstzunehmend bewertet werden kann und welche nicht. Unter dem Deckmantel der Forderung nach Transparenz werden FLT-Räume immer wieder dazu aufgefordert, die Produktivität ihrer politischen Arbeit unter Beweis zu stellen. Dies bedeutet abermals nichts anderes, als ständig wieder rechtfertigen zu müssen, warum ein FLT-Raum nötig und wichtig ist.

Warum werden im Zusammenhang mit FLT-Räumen Kommentare über gemeinsames Fingernägel lackieren oder Kochrezepte austauschen vom Stapel gelassen, die den Grundsatzvorwurf „das was ihr macht ist doch keine politische Arbeit…“ beinhaltet.
Auf diese Art werden den Räumen und ihren Nutzer_innen typisch weibliche Stereotype aufgedrückt und inhaltliche Arbeit auf vermeintlichen Lächerlichkeiten reduziert. Diese Entpolititsierung von als privat konstruierten Tätigkeiten wirft für uns zwei Fragen auf: Erstens: Warum wird diese Trennung überhaupt aufgemacht? Und zweitens: Warum wird an diesen Tätigkeiten Anstoß genommen?

Die verschiedenen Äußerungsformen des Beissreflexes lassen sich darin zusammenfassen, dass sie alle letztlich die Grundfrage nach der Legitimität solcher Räume stellen und damit die real exisitierenden Herrschaftsverhältnisse dieser Gesellschaft ausblenden.
Es ist deutlich erkennbar, dass in einer sich als emanzipatorisch verstehenden Linken noch so einiges schief liegt. Der von uns beschriebene Beissreflex zeigt aber vor allem, dass es einer weitaus grundsätzlicheren Auseinandersetzung bedarf, um auf solidarisch konstruktive Art die Frage nach Aktionsformen und Freiräumen zu diskutieren. Solange es keinen Minimalkonsens gibt, der Bezugsfolie für weitere Diskussionen darstellt, erscheint uns eine immer wiederkehrende Auseinandersetzung um die Form antisexistischer Aktionen als vorgegriffen.
Im Klartext: Wir wollen wieder vermehrt über das ‚Warum‘ und nicht nur über das ‚Wie‘ antisexistischer Aktion reden. Ein so extrem wichtiges Thema wie sexistische und heteronormative Machtverhältnisse und daran geknüpfte Unterdrückungserfahrungen muss unserer Meinung nach auf einer Grundlage besprochen werden, die es ermöglicht, Kritik zu üben, ohne dass Beteiligte von anderen angegriffen werden, die Debatte in Gebashe oder gar Szenenspaltung endet.

Bei Aktionsformen wie dem „Block der weiblich sozialisierten Menschen“ auf der Silvio-Meier-Demo wird deutlich, wie schwierig es ist, eine klare Position zu beziehen – irgendwo zwischen radikal dekonstruktivistischen Theoriekonzepten und alltäglich erlebter gesellschaftlicher Unterdrückungsmomente.
Beides will Gehör finden und beides ist unbedingt zusammen zu thematisieren. Selbst wenn wir versuchen, aus dekonstruktivistischer Perspektive zu agieren, müssen wir zwangsläufig auf das uns zur Verfügung stehende Sprach-und Bildersystem zurückgreifen.
Dieses findet jedoch lediglich Worte für zweigeschlechtliches Denken, derer wir uns bedienen müssen, um Kritik, die wir äußern wollen, überhaupt artikulieren zu können. Nichts außerhalb des Sagbaren, also nichts außerhalb unseres sexistischen Sprachsystems, lässt für Leute, die sich nicht innerhalb unseres Theorierahmens bewegen, unsere Kritik greifbar und damit nachvollziehbar machen. Momentan erscheint es also unumgänglich, sich strategisch auf Konstrukte wie ‚Mann‘ und ‚Frau‘ zu beziehen, um diese und die ihnen innewohnenden Machtverhältnisse dekonstruieren zu können. Voraussetzung, um mit Bezügen auf machtvolle Kategorien wie class, race, gender, ability etc. emanzipatorisch arbeiten zu können, muss sein, diese Rückbezüge ständig zu reflektieren und zu hinterfragen.

Für einen solidarischen Umgang mit Feminismus und FLT-Freiräumen, die notwendig sind und bleiben, solange wir in diesem Herrschaftssystem leben.
Für eine Zukunft ohne Identitätszwang!

diss_
Hamburg, Winter 2010